„Mein Hund rammelt
mein Kind ab!“
Was es wirklich zu bedeuten hat

„Ich weiß schon! Der Hund rammelt, weil er Dominanz zeigen will“. Das war der Satz, bei dem ich mir dachte: Ich möchte einen Artikel darüber schreiben, warum Hunde manchmal Kinder „abrammeln“. Und die Antwort auf die Frage geben: „Warum rammelt mein Hund mein Kind ab?“
Ein typischer Geburtstag
Ich bin vor ein paar Wochen auf einem Geburtstag eingeladen gewesen. Als jemand erwähnte, dass ich mich mit Hunden auskenne, hatte ich plötzlich ein kleines Beratungsgespräch mit einem netten Paar in der Küche – zwischen den Resten des Essens, das wir vorher in uns reingestopft haben.
Das Paar hat von ihrer 16 Monate alten Hündin (Labrador-Mischling) erzählt. Es ging um Dinge, die eigentlich ganz typisch sind: „Sie zieht an der Leine. Und der Rückruf klappt draußen nicht so gut.“
Ich habe den beiden ein paar praktische Tipps gegeben und erklärt, wie Hunde lernen und worauf man achten sollte. Außerdem haben wir uns für einen Termin bei ihnen Zuhause verabredet.
Die Sache mit der Dominanz
Was mich aber direkt alarmiert hat, war folgende Aussage: „Manchmal rammelt sie auch unseren Sohn ab. Also ich weiß schon, dass macht sie, weil sie Dominanz zeigen will, aber…“
Ich mag es eigentlich nicht, Menschen direkt in der Erzählung zu unterbrechen, aber da musste ich mit einem „Stop, Stop, Stop!“ reingrätschen.
Hunde wollen nicht dominieren. Vorrangig möchten Hunde (wie wir Menschen auch) mit ihrem Verhalten etwas erreichen. Dominanz kann unter Hunden also zum Beispiel bedeuten, dass ich meine Ressourcen verteidige. Aber wichtig: das funktioniert nur „innerartlich“. Das heißt: Hunde wollen Menschen nicht dominieren.

Was hat das Kind gemacht?
Meine Frage war also: „Was ist denn vor dem Rammeln passiert? Wollte euer Kind vielleicht mit eurem Hund spielen?“ Hunde verhalten sich nicht ohne Grund auf bestimmte Art und Weise. Es gibt Auslöser, die zu Handlungen führen. Also ist es wichtig zu beobachten, was vor einem Verhalten passiert.
Die Antwort (und damit auch die Lösung) kam auch prompt: „Ja, er spielt dann auch immer ziemlich heftig. Und er legt sich dann auch auf sie. Er stürmt auch auf sie zu, wenn sie gerade auf dem Boden liegt und umarmt sie.“
Kinder lieben ihre Hunde. Und das ist auch super. Aber es ist unfassbar wichtig zu verstehen, dass Hunde ihre Zuneigung anders zeigen – zum Beispiel durch Körperkontakt. Oder gemeinsames Spiel.
Ich habe dem Paar gesagt, dass das darauffolgende Rammeln keine Form der Dominanz ist, sondern höchstwahrscheinlich eine Art des Stressabbaus. „Rammelnde Hunde“ werden häufig direkt mit Sexualität in Verbindung gesetzt. Das ist uns Menschen oft peinlich und möchte wir sofort unterbinden.
„Rammeln“ ist nicht immer etwas Sexuelles
Für den Hund ist das in diesem Moment aber ein selbstregulierendes Verhalten. Er baut damit Stress ab und hält das Kind damit gleichzeitig auf Abstand. Ursache ist extremer Stress ausgesetzt, dem er nicht entfliehen kann. Und wir können unfassbar froh sein, dass der Hund diese Strategie anwendet!
Vermutlich – und das ist als Ferndiagnose natürlich immer schwierig – hat es schon vorher Anzeichen der Hündin gegeben, dass sie die Situation beendet möchte. Hunde beschwichtigen zum Beispiel auch durch Lecken (auf der Hund oder im Gesicht). Was Kinder (und auch Erwachsene) dann als „Oh guck mal, er gibt dir ein Küsschen!“ interpretieren, ist eigentlich vom Hund ein: „Geh bitte auf Abstand!“.
Rammeln: Vorstufe zur Aggression(?)
Sobald ein Hund merkt, dass er bei Menschen mit einer Strategie keinen Erfolg hat, wendet er über kurz oder lang eine andere an. Im schlimmsten Fall heißt das: Wenn Rammeln nicht funktioniert (weil die Besitzer mit dem Hund schimpfen), ist die nächste Variante vielleicht sogar knurren, schnappen oder beißen. Und dann sind wir an einem Punkt, wo es heißt „der Hund ist aggressiv“ – obwohl er sich nur nicht anders zu helfen wusste.
Das ist natürlich der Extremfall. Und meistens enden die Situationen auch glimpflich. Aber mein Ziel – und hoffentlich auch das von allen Hundebesitzern – ist, dass die Hunde sich bei uns wohl fühlen.
In dieser konkreten Situation hat es sich schnell geklärt: Das Paar achtet jetzt mehr darauf, dass das Kind nicht zu wild mit der Hündin tobt. Und wenn es doch noch einmal zum „Rammeln“ kommt, wird das Kind weggeschickt und mit dem Hund wird zum Beispiel ein Zerrspiel gestartet.
So kann der Hund auf erwünschte Art und Weise seinen Stress abbauen – gemeinsam mit den Menschen.
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